Kein Ekel vor dem Egel

„Du arbeitest mit Blutegeln?“ Diese Frage höre ich mit den verschiedensten Untertönen, sobald dieser Teil meines therapeutischen Spektrums bekannt wird. Von Abscheu über Skepsis bis hin zu Neugier schwingt alles in dieser Frage mit. Viele erinnern sich beim Stichwort Blutegel an eine Szene aus dem Film „Stand by me“ und haben selbst Jahre, nachdem sie den Film gesehen haben, immer noch das Bild des entsetzten Jungen, in dessen Unterhose sich nach dem Schwimmen ein Egel eingenistet hat, plastisch vor Augen.

 

Nicht zu vergessen die phonetische Ähnlichkeit zwischen Egel und Ekel. Dabei stammt der Name „Egel“ vom griechischen „echis“ ab, was „kleine Schlange“ bedeutet. Paßt ziemlich gut zu diesem Wesen aus der Gattung der Ringelwürmer und hat so gar nichts Ekliges an sich, nicht wahr?

 

Der  Medizinische Blutegel (zool. Hirudo medicinalis) lebt wie die meisten Egelarten in Süßwasser und war auch bei uns in Mitteleuropa heimisch. Er wurde jedoch nicht zuletzt durch die exzessive, therapeutische Nutzung in den letzten Jahrhunderten beinahe ausgerottet, so dass er in weiten Teilen Europas heute unter Naturschutz steht und ohne CITES-Bewilligung nicht mehr gesammelt werden darf. (Wenn euch die Geschichte der Blutegeltherapie interessiert, schaut mal hier: Geschichte der Blutegeltherapie)

 

Das heißt, die Egel, die ich einsetze, stammen aus einer streng kontrollierten und zertifizierten Zucht, nämlich der Biebertaler Blutegelzucht. Dieser Betrieb ist momentan der Einzige in Deutschland, der Medizinische Blutegel als Arzneimittel in Verkehr bringen darf. Du kannst also sicher sein, dass die Egel, die Deinem Tier als Heiler zur Seite stehen werden, keine Krankheiten übertragen. Ein Zuchtegel der Biebertaler Blutegelzucht ist wenigstens zwei Jahre alt, bevor er in die medizinische Anwendung kommt. Ein Importegel bleibt mindestens 8 Monate in Biebertal in Quarantäne, bevor er für den Dienst am Patienten freigegeben wird. Du kannst auch sicher sein, dass Du ein „Exklusivrecht“ an den Egeln hast, die bei Deinem Tier angewendet werden. Jeder Egel wird nur einmal zum Einsatz gebracht. Während des Saugvorganges können keine Bakterien aus dem Magen-Darm-Bereich des Egels in die Wunde gelangen. Im Magen-Darm-Trakt der Egel wurden sogar antimikrobielle Substanzen gefunden, die Fremdbakterien hemmen.

 

Seine Wirkstoffdrüsen sind keimfrei und da ein Egel frühestens fünf Monate nach der letzten Mahlzeit überhaupt erst wieder daran denkt, hungrig zu werden, besteht dadurch sogar eine natürliche Quarantänezeit gegenüber möglicherweise aufgenommenen Erregern. Zudem weist die natürliche Bakterienflora auf der Haut der Egel keinerlei Bakterien mit Infektionsrisiko für Patienten mit intaktem Immunsystem auf. Um die Sicherheit noch zu erhöhen, werden Blutegel vor dem Einsatz unter fließendem Wasser gereinigt.

 

Was hat es nun aber mit diesen kleinen Schlangen auf sich, dass sie schon seit über 3000 Jahren als Heilmittel genutzt werden? Blutegel wurden und werden zum Aderlass verwendet. Dies trägt nicht nur zur Entgiftung bei. Der Egel saugt Blut ab und gibt gleichzeitig seinen Speichel in die kleine Wunde. Was bei der Zecke üble Folgen haben kann, ist beim Blutegel heilend. Sein Speichel wirkt blutverdünnend, schmerzlindernd und entzündungshemmend.

 

Hier nur eine kleine Aufzählung der in Frage kommenden Einsatzmöglichkeiten:

 

  • Gelenkentzündungen

  • Arthrosen

  • Schleimbeutelentzündungen

  • Venenentzündungen

  • Hufrehe

  • Hämatome
     

 

Je nach Diagnose und zu behandelnder Körperstelle werden einer oder mehrere Egel angesetzt. Mit ihren drei Kiefern sägen sie sich durch die Haut und saugen sich fest. Es wäre falsch von mir zu behaupten, dass dies völlig schmerzlos sei. Stelle es Dir wie eine Mischung aus einem Wespenstich und einem Aufenthalt zwischen Brennesseln vor. Unangenehm, aber auszuhalten.

Der Saugvorgang an sich dauert ungefähr eine Stunde. Während dieser Zeit nimmt der Egel zwischen 10 und 20ml Blut auf. Ist der Egel satt, fällt er von alleine ab. Die kleine Wunde blutet mehrere Stunden nach, dies ist wichtig und Teil der Wirkung. Die Menge der Nachblutung beträgt noch einmal ungefähr 20ml pro Bißstelle. In unserer Vorstellung und wenn man später das verbrauchte Verbandsmaterial anschaut, sieht das nach unheimlich viel Blut aus und ich kann mit jedem nachfühlen, dem es bei diesem Gedanken unwohl wird. Aber erinnerst Du Dich, als Dir das letzte Mal die Kaffeetasse umgekippt ist. Hast Du die ziemlich große Pfütze vor Augen? Eine Kaffeetasse faßt etwa 200ml.

Wichtiger Hinweis:

Es ist mir als Tierheilpraktikerin NICHT gestattet, Blutegel am Lebensmittel liefernden Tier einzusetzen. Das heißt, ich kann daher mit dieser Therapieform keine Nutztiere und auch keine Pferde, die als Schlachttiere eingetragen sind, behandeln. Bitte hab' Verständnis dafür, daß ich vor der Behandlung Deines Pferdes somit zwingend den Eintrag im Equidenpaß prüfen muß.

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